Kapitel 1: Opala, die Ammobe

 1. Teil: Ahoran

  Rund zwei Monate zuvor

 11. Oktober im Jahr 2601 nach der alten Zeitrechnung

 Mittagszeit, zwischen Lebonara und Frosthain, östliches Waldgebiet

 Es waren schon mehrere Tage seit der großen Niederlage in der von Ammoben besetzten Siedlung vergangen. Hema hatte entschieden, mit den Überlebenden zurück nach Lebonara zu ziehen. Alle hofften, unterwegs in die Arme der zweiten Gruppe zu laufen, und das geschah schließlich auch. Als Saschan, der als Späher vorangeschickt worden war, den breitgezogenen Trupp der rund zweihundertfünfzig Krieger vermeldete, war die Freude groß.

Hema saß auf ihrem schneeweißen Dscheila, als sie das Dickicht verließ und sich gut sichtbar auf einen Hügel positionierte. Jasmin, Jack, Saschan und die anderen Überlebenden stellten sich leicht versetzt hinter sie.

Die zweite Gruppe wurde von Mirkon und Kodag-Ran angeführt, dicht gefolgt von Jan, Sina und Semmel. Hema war sich nicht sicher gewesen, ob Kodag seine schwangere Geliebte tatsächlich alleine zurücklassen würde, doch nun war er da. Sie war dankbar dafür, denn sie wusste, dass in der kommenden Schlacht jeder erfahrene Kämpfer benötigt werden würde.

 

Die vordersten Lebonari ritten ihr mit Dscheilas entgegen, die große Masse folgte zu Fuß. Sie alle wirkten frisch und ausgeruht. Als sie Hema erkannten, jubelten viele laut zur Begrüßung. Nur Minuten später trafen die zwei so ungleichen Gruppen aufeinander. Als Mirkon und Kodag-Ran der Zeitlosen gegenüberstanden, sprach sie zuerst ein paar segnende Worte, bevor sie zur eigentlichen Begrüßung überging. Als die beiden Männer fragten, warum Hema umgekehrt war und wo sich die restlichen Mitglieder ihrer Gruppe befanden, erklärte sie ihnen so schonend wie möglich, was vorgefallen war. Entsetzt hörten alle von Tiaras Verschwinden.

Jasmin hielt sich nicht länger zurück. Sie ging schluchzend auf Mirkon zu. Er sprang eilig von seinem Reittier, um sie in die Arme zu schließen.

»Wir werden hier heute unser Lager aufschlagen!«, rief er zu Kodag-Ran. In diesem Moment kam Jan bei ihnen an. Zwar hatte Jan Hemas Schilderungen nicht vernommen, aber das musste er auch nicht, denn er war der Einzige in dem Trupp gewesen, der schon von den Geschehnissen wusste. Hema hatte ihn bereits vor Tagen in der Gestalt einer Elster aufgesucht. Sie besaß als Vogel die Möglichkeit ihre Erinnerungen in den Geist eines anderen zu projizieren, und so hatte Jan das Erlebte so sehen, als wäre er selbst dabei gewesen. Er wusste, dass es ihr nicht recht gewesen wäre, wenn er es den anderen vor diesem Zusammentreffen erzählt hätte, und so hatte er geschwiegen und auf den rechten Moment gewartet.

Und selbst, wenn er es nicht bereits gewusst hätte, hätte er es ihr jetzt angesehen, dass etwas schrecklich schief gegangen war. Kurz trafen sich ihre Blicke, und sie nickten zur Begrüßung.

»Jan«, hörte er eine klägliche Stimme, dann bemerkte er Jack, der an einem Lederband den Drachen hinter sich her führte. Tau war schon wieder sichtlich gewachsen und hatte in den wenigen Wochen, in denen sie sich nicht gesehen hatten, die Größe eines kleinen Ponys erreicht. Aber es war nicht sein Wachstum, das Jan bewegte, sondern die Trauer, die Tiaras Schützling ausstrahlte und offensichtlich mit Jack teilte. Beide sahen elend aus.

Jan und Jack begrüßten sich im Kriegergruß, den sie von den Clanmitgliedern erlernt hatten: Sie griffen sich gegenseitig an die Unterarme. Doch nachdem Jack kurz zögerte, umarmten sich beide kräftig. »Es tut mir leid«, sagte Jan leise. Jack nickte nur.

Später versammelten sich Hema, Mirkon, Kodag-Ran, Jasmin, Jan und Jack abseits des Lagers zu einer Besprechung.

 »Ich war zuerst wirklich froh, euch zu sehen«, brummte Mirkon in einem Ton, der genau das Gegenteil vermuten ließ, »denn ich hatte schon Angst, ihr wäret bis zu den Türmen von Frosthain gelaufen.«

 »Die Türme von Frosthain?«, fragte Hema.

 »Ja, die alte Fiorella hatte eine Vision«, fügte er hinzu. »Sie sah den Hauptsitz des dunklen Herrschers: Frosthain. Sie erzählte uns von einer Stadt, die inmitten von Eis und Schnee auf einer baumlosen Ebene liegt und uneinnehmbar scheint. Mächtige Mauern sollen sie umgeben, und dahinter befinden sich unzählige große, nadelförmige Türme, höher als die höchsten Bäume, die wir kennen. Im Zentrum soll ein mächtiges Gebäude liegen: die Residenz des Spalters.«

Hema schaute ihn interessiert an. Mirkon fuhr fort. »Selva hat einen Weg gefunden, Fiorellas Visionen auf einen Bildschirm zu übertragen. Somit haben wir alle gesehen, was unsere Oberpriesterin gesehen hat. Ich sage dir, die Stadt muss schon uralt sein, und sie ist mächtig, sehr mächtig. Sie sieht auch nicht so aus, als sei sie von Menschenhand erschaffen worden. Die Ammoben selbst haben sie wohl schon vor Jahrhunderten erbaut, und sie erweitern sie noch immer.«

»Selva experimentiert immer eigenständiger mit allen möglichen Gegebenheiten«, sagte Hema mehr zu sich selbst als zu den Anwesenden. Sie schien über etwas nachzudenken, was nicht in der kleinen Runde besprochen werden sollte, sie aber im Zusammenhang mit Selva beschäftigte.

»Aber überraschenderweise zeichnet sich die Stadt auch durch ihre Kunstwerke aus«, fügte Kodag-Ran hinzu, und aus seiner Stimme sprach widerwillige Anerkennung. »Man kann es kaum glauben, aber überall stehen Statuen und Gebilde, die den Kreaturen bis in die kleinsten Details nachempfunden sind. Solche perfekt bearbeiteten Steinskulpturen habe ich noch nie gesehen! Alleine das mächtige Eingangstor, das so hoch und breit ist, dass selbst ein Riese, dem ein zweiter Riese auf den Schultern sitzt, problemlos hindurch passen würde, wird von gewaltigen Steingebilden flankiert, die zwei deformierte Wachhunde darstellen. Sie sehen furchterregend aus.«

Jack runzelte fragend die Stirn. »Es gibt dort tatsächlich prachtvolle Kunst- und Bauwerke

»Wenn ich es nicht besser wüsste, hätte ich die Ammoben nach dieser Vision für zivilisierte Wesen gehalten«, gestand Mirkon. Er kratzte sich gedankenverloren über die Narben an seinem Hals.

Hema wurde noch blasser, als sie es ohnehin schon war. »Die Ammoben sind das, was der dunkle Herrscher aus ihnen gemacht hat.«

Jan schaute in die Runde. »Niemand hat es den anderen aus der zweiten Gruppe gesagt, oder?«

Ein betretenes Schweigen entstand. Jeder wusste, was er meinte, dennoch sprach er weiter: »Ihr werdet den Verlust von Tiara nicht lange verheimlichen können. Jeder, der die traurigen Gestalten aus der ersten Gruppe sieht, kann sich denken, was geschehen ist.«

Hema warf ihm einen düsteren Blick zu. »Wir werden an unserem ursprünglichen Plan festhalten, Jan. Morgen werde ich alle zusammenrufen und ihnen von den Geschehnissen bei der verfallenen Siedlung berichten, allerdings werde ich nicht jedes Detail erwähnen, um die Ängste nicht noch weiter zu schüren. Und dass Tiara tot sein könnte, ist nur eine Vermutung und sollte schon alleine deshalb nicht die Runde machen. Wir werden dabei bleiben, dass sie nur verschwunden ist, mehr nicht.«

Jacks Gesicht lief rot an, doch er schwieg.

»Wir müssen nach Frosthain«, fuhr Hema fort, »denn der Spalter wird nicht zu uns kommen. Und unter Umständen finden wir ja Tiara wirklich wieder. Wenn sie von den Ammoben gefangen genommen wurde, wird sie sicherlich zu dem dunklen Herrscher gebracht werden. Finden wir ihn, könnten wir auch sie finden.«

Mirkon schaute nachdenklich drein. »Gut, dann brechen wir morgen so früh wie möglich auf. Hema, ich gehe davon aus, dass du dich heute noch mit deinen Auserwählten zusammentust, um die weitere Route zu erkunden. Du nimmst dann sicherlich auch das Blutserum mit, nicht wahr?«

Sie nickte. »Ja. Unsere Gruppe ist zu groß, um auf gut Glück durchs Land zu ziehen. Falls uns Ammoben im Weg sein sollten und wir sie nicht umgehen können, ist das Serum noch immer unser größter Trumpf. Ich werde es einsetzen, wenn es unvermeidlich ist. Ich will es aber nicht leichtfertig verwenden, denn der Dunkle soll nicht zu früh von dem Mittel erfahren. Das könnte nämlich passieren, wenn ihm das merkwürdige Verhalten oder gar äußerliche Veränderungen der behandelten Ammoben zu Ohren kommt.«

»Wenn das nicht schon geschehen ist«, warf Jasmin ein.

»Wir müssen Vertrauen haben«, erwiderte Hema. »Betet zu euren Göttern.«

»Gut«, stimmte Mirkon zu. »Und wenn wir das Land erreichen, in dem zu jeder Jahreszeit der Schnee liegen bleibt, sind wir unserem Ziel einen großen Schritt näher gekommen. Im Herzen jenes Landes liegt Frosthain.«

»Wenn ich mit Hilfe meiner auserwählten Acht auf Geistreise gehe, werde ich auch versuchen, Tiara ausfindig zu machen«, erklärte Hema. »Ob lebend oder tot.«

Für Jack war das zu viel. Abrupt stand er auf und stapfte eilig davon. Jan zögerte kurz, dann folgte er seinem Freund. Nicht lange danach trennten sich auch die anderen, und sie alle gingen mit nachdenklich gesenkten Blicken ihrer Wege. Nur Mirkon schien unbeeindruckt. Hema senkte die Stimme, als sie sich an ihn wandte: »Es ist meine Schuld, dass wir dieses Scharmützel verloren haben. Ich habe unseren Feind unterschätzt. Ich hatte sogar kurzzeitig geglaubt, dass jemand sehr Mächtiges in der Siedlung anwesend ist, der meine Kräfte unterdrückt.«

 »Jemand?«

 »Schwer zu erklären. Als alles außer Kontrolle lief, glaubte ich sogar, dass es der dunkle Herrscher selbst sei, der sich dort verborgen hielt. Aber warum sollte er so weit von Frosthain in einer unbedeutenden Siedlung herumlungern? Wegen mir? Möglich wäre es zwar, aber er hätte es nicht nötig. Nein. Heute, mit ein wenig Abstand, bin ich davon überzeugt, dass einer seiner ranghohen Handlanger dort war und dass er – gesegnet durch die Kraft des Dunklen – meine Energien gestört hat. Ich vermute sogar, dass er Diana beeinflusst hat. Möglicherweise war er der Auslöser dafür, dass sie sich erneut Tiaras Befehl widersetzt hat. Ohne seine Anwesenheit wäre vielleicht alles anders gekommen.«

 Mirkon räusperte sich. »Wenn Diana in den letzten Monaten eines bewiesen hat, dann, dass dort, wo sie sich aufhält, der Tod herrscht.«

 »Diana war das schwächste Glied in unserer Kette, und es war sicherlich leicht für ihn, sie unter Kontrolle zu bekommen. Er könnte sie wie eine Marionette gelenkt haben, und sie ist darauf reingefallen, bis es zu spät war.«

Sie stockte, denn sie fühlte sich elend. Zwar hatte sie Mirkon erst in Lebonara kennengelernt, aber nach den Aussagen der einstigen Waldläufer hatte er in den letzten Monaten eine beeindruckende Entwicklung durchgemacht. Ein angsteinflößender Krieger war er wohl schon immer gewesen, doch die Welt der Diplomatie war ihm stets verschlossen geblieben. Jetzt jedoch war er in die Rolle eines Anführers hineingewachsen, der die Verantwortung für hunderte Menschenleben trug.

Er seufzte. »Schuldzuweisungen nutzen niemandem. Ich liebe Tiara wie eine Tochter, und vor allem seit ihr Vater, mein Freund Judan Marun, verstorben ist, fühle ich mich verantwortlich für sie. Ich habe somit nicht nur eine wunderbare Anführerin und Freundin, sondern auch ein Stück meines Herzens verloren, falls sie tatsächlich in die Hände der Ammoben gefallen ist.« Den letzten Teil seines Satzes hauchte er so leise, dass Hema ihn nur noch erahnen konnte. Traurig schaute er zur Seite. »Wir müssen trotzdem weitermachen, Hema. Immerhin tragen wir die Verantwortung für die Lebonari.«

Sie nickte, denn sie wusste, dass er recht hatte.

 »Und wir haben noch dich«, sagte Mirkon etwas sanfter. »Du wirst uns mit Hilfe des Blutserums zur rechten Zeit an den richtigen Ort bringen, damit wir uns an den Ammoben für all den entstandenen Kummer rächen können.«

Das bin ich ihnen wohl schuldig, dachte Hema. »Sag, Mirkon, woher, meinst du, kommen die Ammoben? Kennst du unseren Feind wirklich? Weißt du, wen wir dort erschlagen wollen?«

»Wer weiß«, sagte er ohne sonderliches Interesse. »Es gibt sie schon lange. Sie sind einfach nach der Geburt der Feuerwalze aufgetaucht. Vermutlich sind sie eine zufällige Mutation der Gene, ganz einfach. Das unterstützt auch deine Vermutung, dass ihre Vorfahren Menschen waren. Das hast du zumindest geäußert, als du uns das Blutserum vorgestellt hast. Aber was auch einst gewesen sein mögen – heute sind sie gewissenlose Monster.«

»Eine Mutation, die sich wie eine Krankheit ausbreitet?« Hema musterte ihn aufmerksam. »Es gibt ziemlich viele von ihnen, ihre Artenvielfalt ist nicht erfassbar. So etwas sollte es in der natürlichen Evolution nicht geben.«

Der Krieger zuckte nur mit den Schultern.

»Es kann sein, dass wir die Sache falsch angegangen sind, Mirkon. Wir bekämpfen die Symptome und nicht die Ursache. Ich sagte ja, dass wir den Spalter aufhalten müssen, doch frage ich mich zunehmend, was oder wer die Ammoben eigentlich wirklich sind.«

»Kann uns das denn helfen?«

»Ich weiß es nicht«, gestand sie, »doch vielleicht sind der persönliche Zugang zu den Wesen und ein Verständnis für ihre Eigenarten auch ein Weg, an unser Ziel zu kommen. Es ist nicht das erste Mal, dass ich mich mit diesem Gedanken beschäftige. Und es wird auch nicht das letzte Mal sein.«

 

 

11. Oktober im Jahr 2601 nach der alten Zeitrechnung

 Mittagszeit, in der unterirdischen Stadt Lebonara

  

Sabine rieb erwartungsvoll die Handflächen aneinander, strich sich eine blonde Haarsträhne hinters Ohr, nur um sie nach wenigen Augenblicken wieder nach vorne zu ziehen. »Bist du so weit?«, rief sie in den hohen Saal hinein. Selvas Projektion materialisierte sich direkt vor ihr. Sabine erschrak nicht. Sie war Selvas überraschendes Auftauchen nicht nur gewohnt, sondern hatte es erwartet.

Aus Selvas Miene sprach erwartungsvolle Vorfreude. »Ja. Und dieses Mal wird es sicherlich klappen.«

Der Saal, in dem sie standen, war riesig und strebte weit nach oben, über mehrere Stockwerke hinauf. Alle drei bis vier Meter verliefen metallene Stege an den Wänden, die breit genug waren, um zwei bis drei Menschen nebeneinander Platz zu gewähren. Schmale Leitern führten von Steg zu Steg, und unzählige Kontrollpulte und Überwachungsgeräte standen aufgereiht auf jeder Ebene nebeneinander. Viele kleine Schalter und Hebel leuchteten in den unterschiedlichsten Farben. Nur jemand, der ausführlich an den Apparaturen geschult worden war, konnte wissen, welche Funktionen sie erfüllten.

In der Mitte des Saals prangte eine gigantische Glassäule, die fast bis zur Decke reichte. Sie stand auf einem erhöhten Podest, das mit einem weißen Geländer abgesichert war. Sabine wusste, dass der Glaszylinder gute sechzehn Meter hoch war und fast zwölf Meter durchmaß. Darin schwamm in einer bernsteinfarbenen Flüssigkeit ein riesiges pulsierendes Stück biologischen Gewebes, das einem gigantischen Menschenherzen ähnelte: Selvas biologischer Teil.

»Heute wird es klappen«, murmelte Sabine und betrat die metallene Brücke, die von einem der Stege zu dem Podest mit dem Glaszylinder führte. Sie legte beim Gehen eine Hand auf ihren vorgewölbten Bauch. Die schlimmste Zeit ihrer Schwangerschaft war vorüber. In den ersten drei Monaten hatte sie, wie viele Frauen, sich ständig erbrechen müssen, doch danach war es eine schöne Zeit gewesen. Und seitdem sich das Baby in ihr regte, wuchs die Aufregung über das kommende Glück noch intensiver. Sie liebte ihr Kind schon jetzt.

Grünschimmernde Schläuche und unüberschaubare Kabel führten aus dem Glaszylinder heraus und verschwanden in den Wänden und der Decke. Sabine blieb direkt vor dem Zylinder stehen. Dort, wo die Brücke endete, waren die Umrisse einer durchsichtigen Eingangspforte zu sehen. Schon oft war sie mit einem Schutzanzug bekleidet durch diese Pforte getreten, doch heute musste sie das nicht. Was sie auch tat, es reichte, wenn sie kurz vor dem Zylinder blieb.

Selvas Projektion einer kleinen, zierlichen Frau folgte ihr. Anmutig blieb sie neben ihr stehen, den Blick fest auf die fleischige Masse im Inneren des Zylinders geheftet. »Schön bin ich nicht gerade«, sagte sie zu Sabine, doch diese winkte nur ab. »Blödsinn! Was ist schon schön? Du solltest über einer solchen Wertigkeit stehen, meine Liebe. Auch wenn du anders als wir Menschen bist, hast du dir dennoch eine eigene Erscheinungsform gewählt, die deinen Vorstellungen entspricht, und damit hast du uns allen etwas voraus: Du konntest wählen.«

»Aber du kennst die Wahrheit«, konterte Selva.

Sabine zuckte nur mit den Achseln. »Und was ist die Wahrheit? Du bist eine halbbiologische Maschine. Und das dort«, sie wies zu dem Zylinder, »ist nur der biologische Bestandteil von dir, und der Anteil ist klein im Verhältnis zu dem, was du sonst noch bist. Denn du bestehst auch aus jeder Leitung, jeder Elektrode und jedem Schaltpult, der sich hier innerhalb von Lebonara befindet. Jeder Computer und jeder Lichtschalter sind mir dir verbunden. Du bist also Lebonara, und Lebonara gehört zu dir. Untrennbar verbunden.«

Jetzt schaute Selva sie an. »Lebonara kann ohne mich weiterexistieren, ich aber nicht ohne Lebonara.«

»Lass es gut sein«, bat Sabine. »Wir müssen uns auf unseren Plan konzentrieren. Unsere letzten vier Versuche sind ja leider gescheitert.«

Selvas Idee war einfach. Sie war Hema und ihren Auserwählten stets nahe gewesen, und sie hatte auch Hemas Geistreisen überwacht. Das war der Wunsch ihrer Erbauerin gewesen, und so war Selva immer über Hemas Aktivitäten informiert, solange sie sich in Lebonara befand. So war es auch gekommen, dass sie Hemas Versuchen, die Kraft der Auserwählten in eine Kristallkugel zu speichern, beigewohnt hatte. Selva hatte stets alles lautlos beobachtet und die Rückschläge und Fortschritte genau abgespeichert. Und als Sabine nun darüber geklagt hatte, dass die Bewohner Lebonaras keinen Kontakt mit Hema oder den Auserwählten aufnehmen konnten, war ihr eine Idee gekommen. Sie brauchten etwas, das von Hemas Macht durchzogen war. Etwas, das auch die Auserwählten berührt hatten und in das ihre Macht hineingeflossen war. Aber hatten sie das nicht? Stand ihnen denn nicht das größte Gefäß zur Verfügung, in das Hema einen wesentlichen Teil ihrer Macht hatte einfließen lassen? Macht, die noch vorhanden war und dafür sorgte, dass Selva jeden Tag gut arbeitete, lebte und funktionierte?

Als Selva mit Sabine darüber gesprochen hatte, war es auch ihr klar geworden: Selvas biologischer Anteil war mit Hemas Kräften förmlich durchflutet. Das war notwendig gewesen, um Selva das Leben zu schenken, denn ihr biologischer Teil stammte aus der selben Dimension, aus der auch Hema gekommen war. Hema hatte damals in einer absolut sicheren Umgebung mit einer kleinen Gruppe ausgewählter Wissenschaftler und ihrem Kreis der Spaltung einen weiteren Dimensionsdurchgang erschaffen. Der Durchgang war so klein gewesen, dass kein Mensch hätte hindurchtreten können, aber groß genug, um eine Handvoll Lebensenergie herüberzuholen. Diese Energie war es gewesen, aus der Hema Selva als eine neue, eigene Lebensform erschaffen hatte. Und dafür war unglaublich viel von Hemas Kraft in Selva hineingeflossen. So hatten Sabine und Selva beschlossen, Selva selbst zu nutzen, wie Hema die Kristallkugel genutzt hatte, um mit den anderen Auserwählten Kontakt aufzunehmen.

 »Bereit?«, wollte Selva wissen.

 »Bereit«, bestätigte Sabine. Sie schloss ihre Augen und legte behutsam die Hände auf den Glaszylinder. Hierbei konnte ihr Selva nicht helfen. Sie konnte keinen Einfluss auf materielles Geschehen nehmen, dennoch ließ sie ihre Projektion neben Sabine stehen, um sie moralisch zu unterstützen.

Sabine sammelte sich. Dass sie eine Auserwählte war, dass sie die besonderen Gene hatte, mit der Hemas Macht fokussiert und geleitet werden konnte, hatte ihr immer wiederstrebt. Mehr noch, sie hatte sich Hema verweigert, hatte mit all dem nichts zu tun haben wollen, aber nun begehrte sie mit aller Kraft diese unsichtbare Energie.

Ihre Stirn legte sich in Falten, ihre Augen zuckten unter den Lidern hin und her. Noch nie hatte sie ohne Hema versucht, eine Geistreise zu unternehmen, bis Selva sie auf diese Idee gebracht hatte. Und inzwischen war sie davon überzeugt, dass es möglich war, wenn sie nur lernte, ihre Kraft richtig einzusetzen.

Sie konzentrierte sich auf Hema und stellte sie sich in allen Einzelheiten vor. Gedanklich rief sie nach ihr, immer lauter. Ihre Finger verkrampften sich, zogen sich zusammen und öffneten sich wieder. Sie wollte es, unbedingt! Sie wollte es und würde es erreichen!

Selvas Projektion blinzelte irritiert, dann krümmte sie sich, als sei ihr übel geworden. Sie sagte nichts, damit Sabine nicht abgelenkt wurde, aber sie spürte deutlich, dass Sabine nach ihrer Lebenskraft griff. Denn das war Hemas Energie für Selva: ihre Lebenskraft.

Es dauerte noch einige Minuten, in denen Selvas Projektion immer durchscheinender geworden war, da löste Sabine die Hände von dem Zylinder, hielt sich den Bauch, beugte sich vor und übergab sich. Im selben Moment gab Selva ein Geräusch von sich, als hätte sie lange Zeit nicht mehr richtig atmen können und bekäme nun endlich wieder Luft.

»Selva?«, sagte Sabine leise und undeutlich.

»Alles gut«, beantwortete Selva die knappe Frage. »Alles gut.«

Sabine schüttelte leicht den Kopf. »Nichts ist gut! Es hat wieder nicht funktioniert. Und bei jedem Versuch dringe ich tiefer in dich hinein. Was ist, wenn ich dich ernsthaft verletze? Was, wenn ich dir schade?« Sie ballte die Fäuste.

Selvas Projektion konnte nicht nach Sabine greifen, aber sie bedeutete ihr, sich hinzusetzen und zu erholen. »Wie geht es deinem Kind?«, erkundigte sie sich.

Sabine stöhnte. »Sag du es mir. Bitte, analysiere meinen Gesundheitszustand.«

Selva tat, wie ihr geheißen, scannte Sabine und ihr Ungeborenes, dann bestätigte sie das, was sie Sabine auch bei den ersten vier Versuchen festgestellt hatte: »Dein Kind ist gesund. Ob mentale oder psychische Schäden entstanden sind, kann ich in diesem Entwicklungsstadium nicht beurteilen. Das Kind wird voraussichtlich in zweieinhalb Monaten zur Welt kommen. Erst danach kann ich weitere Tests vornehmen.«

Danach schwiegen beide. Es dauerte einige Zeit, bis sich Sabine wieder aufrappelte. Als sie an Selva vorbeischritt, sagte sie: »Ich glaube nicht, dass meine Versuche dem Baby schaden. Und solange ich keine Gefahr darin sehe, werde ich es weiter versuchen. Nicht heute, nicht morgen, aber ich werde es erneut versuchen. Wir müssen erfahren, wie es Hema und den Auserwählten geht. Auch will ich wissen, wie es um unseren Kampf steht.«

Sabine wollte noch mehr sagen, doch das tat sie nicht. Ja, all das wollte sie wissen, aber es ging ihr auch um Kodag-Ran. War er in Sicherheit? Lebte er noch? Bestand die Möglichkeit, dass er gesund zu ihr zurückkam? Sie hatte diese Fragen nicht laut ausgesprochen, aber das musste sie auch nicht. Selva wusste, dass sie den Krieger aus dem Clan der Stahlformer aufrichtig liebte … und brauchte.

 

 

 

13. Oktober im Jahr 2601 nach der alten Zeitrechnung

 Mitternacht, westlich von Frosthain

 

Wie ein hungriges Tier kroch sie vorsichtig unter dem Gebüsch hervor. Sie hatte sich an jedem Tag ein neues Versteck gesucht, und nachts wanderte sie ziellos umher. Wer sie einst gewesen war, wusste sie nicht mehr, doch der Gedanke, sich an den Verursachern ihrer Situation zu rächen, trieb sie voran. Nur konnte sie sich nicht einmal mehr an die so genannten Verfolger erinnern … Das Einzige, was sie mit Gewissheit sagen konnte, war, dass ihr Name Tiara lautete.

Es war tiefste Nacht, dennoch sah sie alles deutlich vor sich. Ihr Blick fiel auf den weit über ihr stehenden Mond, der ihr wie ein neugieriges Auge entgegenfunkelte. Verwundert stellte sie fest, dass sie den Trabanten so noch nie gesehen hatte. Er wirkte lebendiger, heller und viel größer, als sie ihn in Erinnerung hatte.

Sie schaute sich genauer um. Vieles hatte sich verändert, zumindest fielen ihr jetzt viele Dinge auf, die ihr vorher nicht bewusst gewesen waren. Die Konturen der Bäume schälten sich so klar aus der Dunkelheit, dass sie jede Erhebung in ihrer Rinde genau ausmachen konnte. Selbst die Adern der im schwachen Wind schwingenden Blätter waren deutlich zu erkennen. Sie blickte zu Boden. Jeder einzelne Stein war klar umrissen. Bröselige Erde lag dazwischen, es hatte schon zu lange nicht mehr geregnet.

Trippelnde Schritte! Schnell wandte sie ihren Kopf. Da, zwanzig Schritte von ihr entfernt, lief eine Maus. Tiara wusste sofort, wie weit das Tier von ihr entfernt war, wann es am nächsten Baum ankommen würde und wie viel es wog. Aber woher wusste sie das?

Sie eilte fort, hinein in den Schutz des Waldes. Kurz schreckte sie zusammen, als sie leuchtende Augen bemerkte, die sie beobachteten. Es dauerte einige Herzschläge, bis sie merkte, dass es sich nur um eine Eule handelte, die weit entfernt auf einem Ast saß. Wie hatte sie den Vogel aus dieser Entfernung ausmachen können?

Schnell tauchte sie in das Dickicht ein. Lange Haarsträhnen fielen ihr beim Laufen ins Gesicht, doch sie nahm es kaum wahr. Lautlos näherte sie sich einem Busch, der pralle, rote Beeren trug. Hunger brachte ihren Magen zum Knurren. Wie lange hatte sie nichts mehr gegessen? Sie konnte sich nicht mehr daran erinnern, woher, aber sie wusste, dass Beeren sie nicht wirklich sättigen konnten. Sie brauchte eine Waffe, um ein Tier zu erlegen. Andererseits: Brauchte sie das wirklich?

Ein leichtes Rascheln ließ sie zusammenfahren. Da war etwas in ihrer Nähe, und es hatte mindestens ihre Größe. Sie duckte sich. Während sie dort kauernd lauerte, überlegte sie, ob sie den heimlichen Besucher nicht vielleicht fangen sollte. Eventuell brauchte sie keine Waffe, um eine Jagdbeute zu erlegen. Reichten ihre Hände nicht aus? Der natürliche Instinkt und die Jagdlust machten sich bei ihr deutlich bemerkbar.

Dunkle Umrisse bewegten sich auf sie zu. Jemand ging – abgestützt auf einem langen Staab – suchend durch das Unterholz. Nun wandte sich der Umriss in ihre Richtung. Es war ein Mann. Deutlich erkannte sie die längliche Statur, die spitzen, weit abstehenden Ohren und die feinen Gesichtszüge. Eine lederne Tasche hing über seinem Rücken und bei näherer Betrachtung sah sie, dass es sich bei dem Wanderstab tatsächlich um zwei Stäbe handelte, die dicht mit schmalen Lederbändern aneinandergebunden waren.

Hellbraunes Haar hing ihm weit über die Schultern. Er wirkte harmlos, weshalb sie ihn ohne weiter darüber nachzudenken als leichte Beute einstufte. Als hätte der Fremde ihre Gedanken gehört, blieb er unvermittelt stehen. Das überraschte sie. Misstrauen stieg in ihr auf, doch dann drehte er ihr den Rücken zu. Jetzt oder nie!

Mit einem mächtigen Satz brach sie aus ihrem Versteck hervor und erreichte den Unbekannten mit einem einzigen, mächtigen Sprung. Mit einem Schrei der Verwirrung schaffte er es gerade noch, sich umzudrehen, bevor ihn ihr Gewicht zu Boden warf. Den doppelten Staab ließ er fallen, die Tasche rutschte ihm herunter. Verzweifelt presste er die Hände gegen ihr Schlüsselbein, um sie auf Abstand zu halten. Fauchend und geifernd saß sie auf seiner Brust. Sie roch seine Furcht und ergötzte sich daran. Das war wohl auch der Auslöser dafür, dass sie ohne darüber nachzudenken ihre silberschwarz schimmernden Krallen ausfuhr. Die lang geschlitzten Augen des Mannes weiteten sich, und Erkennen spiegelte sich darin. »Neugeborene?«

 

 

 

... Ende der Leseprobe ...

 

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