Vorgeschichte

25. November im Jahr 2601 nach der alten Zeitrechnung
Später Nachmittag, westlich der Eisstadt Frosthain
Ein verfallenes Haus in einer namenlosen, unbelebten Kleinstadt

»Jetzt sitze ich hier und starre auf ein Blatt Papier, das förmlich danach schreit, beschrieben zu werden, aber womit fange ich an?«

Langsam hob sich der Blick der müden, stahlblauen Augen. Der Mann fuhr sich mit der Hand durchs blonde Haar und rieb sich über die vor Kummer zerfurchte Stirn. Sein Blick fiel durch ein zerstörtes Fenster. Er betrachtete die Umrisse der zerfallenen Gebäude, deren Trümmer der Zeit trotzten. Hier lebte schon lange niemand mehr. Einst, vor Jahrhunderten, musste dies eine ansehnliche kleine Stadt gewesen sein, doch heute dienten die Ruinen nur noch Tieren als Unterschlupf. Niemand wollte länger in den Überresten der alten Zivilisation verweilen, niemand außer ihm. Er hatte sich das einzige Haus gesucht, in dem der Boden des Obergeschosses noch nicht eingestürzt war, sodass er im Erdgeschoss darunter Schutz vor Wind und Wetter fand.

Hätte ein aufmerksamer Betrachter in die Augen des Mannes geblickt, hätte er in ihnen eine unergründliche Menge an Wissen, Erfahrung und Abenteuerlust erkannt – mehr, als man in seinem Alter erwarten sollte. Er hätte den festen Willen des Mannes gesehen, und dass es nur wenig auf der Welt gab, was ihn von seinen Zielen und Wünschen abbringen konnte.

Es war später Nachmittag geworden, am Horizont begann das Tageslicht schon zu schwinden. Er wusste, dass es Zeit war, mit dem Schreiben zu beginnen, deshalb war er hier. Der kahle, verwitterte Raum um ihn herum füllte sich Stück für Stück mit Dunkelheit. Bald würde ihn die Finsternis vollkommen umhüllen.

Seine Hand glitt in die neben ihm liegende Umhängetasche, er holte eine Kerze hervor. Nachdem er sie angezündet hatte, träufelte er etwas Wachs auf den krummen, provisorischen Tisch, den er aus zusammengetragenen Bruchstücken gebaut hatte. Die Kerze drückte er auf das Wachs, die Flamme wogte rhythmisch im Luftzug hin und her.

»Ich habe mich hierher zurückgezogen, um eine Geschichte niederzuschreiben«, sagte er zu sich selbst. Traurigkeit spiegelte sich in seinem Gesicht wider. »Eine ungewöhnliche Geschichte in einer ungewöhnlichen Zeit.«

Er hatte in den letzten Monaten viele unglaubliche Dinge erlebt, wo sollte er anfangen? Er zog sich in seine Gedankenwelt zurück. Die Zeit! Das Rad der Zeit hat wirklich sein Spiel mit uns allen getrieben, sonst wäre ich nicht hier. Ich schreibe ein Buch, das vielleicht niemals jemand lesen wird. Und das alles, weil mich die Liebe meines Lebens darum gebeten hat.

Mit Achtung musterte er die vor ihm liegenden Blätter. Er wusste, wie aufwendig es heutzutage war, Papier herzustellen. Mit einem Schmunzeln musste er daran denken, dass es damals eine Selbstverständlichkeit für die Menschen gewesen war, jederzeit auf große Mengen Papier zugreifen zu können.

Sein Kopf senkte sich. Der Mann, der mit seinen zweiunddreißig Jahren noch deutlich jünger wirkte, fühlte sich unendlich erschöpft. Sein Leben lang war er um ein gutes Aussehen bemüht gewesen, doch jetzt war das nicht mehr so wichtig für ihn. Das Überleben in dieser Welt war hart, und das hinterließ langsam seine Spuren.

Endlich holte er einen Bleistift aus der Tasche, sortierte seine Gedanken und suchte den roten Faden seiner Erzählung. Die Nachwelt musste die Geschichte erfahren, damit sie nie wieder vergessen wurde … nicht noch einmal! Einst war er ein angesehener Schriftsteller gewesen, doch das war Jahrhunderte her. Aber die Gabe und die Geduld, unermüdlich zu schreiben, bis das Werk vollendet war, verlernte man nicht.

Er setzte die Bleistiftspitze aufs Papier und begann: »Mein Name ist Jan Erikson, und ich wurde am 4. Januar 2031 in New Orleans, Louisiana, in den USA geboren. Meine Vorfahren kamen aus dem wunderschönen Königreich Schweden in Nordeuropa, das ich leider nie mit eigenen Augen gesehen habe. Nach einer Bankkaufmannslehre ergriff ich den kreativen Beruf des Schriftstellers und schrieb recht erfolgreiche Science-Fiction-Romane.

Zu Beginn des Jahres 2063 hätte ich mir – wie der Rest der Menschheit – niemals träumen lassen, dass das, was damals noch als Science-Fiction galt, Realität werden könnte. Die Bewohner der einzelnen Kontinente hatten untereinander und mit den Menschen der anderen Kontinente Frieden geschlossen. Es gab keine länderübergreifenden Konflikte mehr, und die Zeiten der Kriege und der vielen Scharmützel zwischen den einzelnen Nationen und Völkern waren nur noch blasse Erinnerungen. Auch Diskriminierungen gehörten der Vergangenheit an. Niemand wurde mehr wegen seiner Hautfarbe oder seines Glaubens benachteiligt. Selbst die Währungseinheiten waren vereinheitlicht worden, was die Menschheit noch weiter zusammengeführt hatte. Es gab keine Wechselkurse, Aktienspekulationen oder finanziellen Ungerechtigkeiten mehr.

Es war wirklich rundherum eine schöne und friedliche Welt, in der ich groß geworden bin, deren Ende jedoch schon vorbestimmt war.

In einer Zeit, in der man alles bekommen konnte, was man brauchte, und jeder in einem ausgeglichenen Wohlstand lebte, gab es nicht mehr viel, was erstrebenswert war. So konzentrierten sich die Wissenschaftler und Mediziner immer mehr auf das Ziel einer perfekten Gesundheit, die dereinst zum ewigen Leben führen sollte. Das war zum höchsten Bestreben geworden, was allerdings nichts nützte – uns war die Zeit davongelaufen.

Völlig unerwartet geschah etwas, womit niemand je rechnen konnte. Es war der 21. Juni 2063, an dem die Welt, so wie ich sie kannte, unterging.

Nach den heutigen Aufzeichnungen entstand aus unbekannten Gründen eine gigantische Feuerwalze, die sich schnell und zielsicher in jeden Winkel der Welt ausbreitete und sich um den kompletten Globus zog. Sie verschlang mit einer unglaublichen Hitze jede Stadt, jede Ortschaft, jedes Flugzeug, jedes Schiff und jeden Menschen, den sie auf ihrem Weg fand.

Meine Welt starb, und keiner wusste warum. Irgendetwas oder irgendjemand schickte den Untergang, der in rasender Geschwindigkeit das Gesicht des Planeten vernarbte. Es war eine Welle des Feuers in einer unbekannten Intensität, die `wer weiß wo´ begann und sich wie ein Tsunami ausbreitete.

Es gab nichts, das diese unheilige Flut hätte aufhalten können. Es war so, wie es viele Endzeit-Prediger schon lange vor dem Untergang beschrieben hatten. Sie hatten schon Jahre vor dem Ereignis das unausweichliche Ende prophezeit und dabei kuriose Theorien aufgestellt, wodurch der Untergang ausgelöst werden würde. Von der Strafe Gottes bis hin zu einem Riss im Raum-Zeit-Kontinuum war alles dabei. Und wer hätte schon solch verwirrten Geistern Glauben schenken wollen? Wir lebten doch in Frieden. Aber am Ende sollten sie recht behalten, auch wenn die Wahrheit über den Ursprung des Untergangs nie bekannt wurde.

Ich persönlich kann mir nur zwei Möglichkeiten vorstellen, die an­nähernd realistisch sein könnten: eine von Menschenhand erschaffene Waffe, eingesetzt von einer unzufriedenen Gruppierung. Oder ein fürchterlicher Unfall, ausgelöst durch geheime Experimente mit einer neuen Energiequelle. Wahrscheinlicher ist wohl der Unfall, denn damals verbrachten die führenden Wissenschaftler sehr viel Zeit mit der Erforschung und Verbesserung der allgemeinen Lebensqualität. Dazu gehörte auch die stetige Weiterentwicklung der zum täglichen Leben benötigten Energien. Wie schnell hätte dabei ein geheimes Projekt vollkommen aus der Bahn laufen können.«

Jan hielt inne. Er selbst hatte die Propheten für Narren gehalten. So war es zumindest gewesen, bis er seine eigene, höchstpersönliche Endzeit-Predigerin getroffen hatte, die ihm das Leben rettete und wegen der er nun hier war.

Er legte seinen Stift zur Seite und blickte in die Kerzenflamme. Das erste Mal habe ich sie in der Innenstadt von New Orleans gesehen. Ihre tiefschwarzen Haare, die fast bis auf den Boden reichten, ihre schneeweiße Haut und die tiefbraunen Augen haben mich gefesselt – niemals habe ich eine schönere Frau gesehen. Im Gegensatz zu all den anderen Predigern hat sie kostspielige Kleidung getragen, und man hat auf den ersten Blick erkannt, dass sie noch nie körperlich arbeiten musste, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Dennoch hat sie am Straßenrand gestanden und allen Menschen erzählt, die ihr zuhören wollten, dass die Welt im Jahr 2063 durch eine gigantische Feuerwalze vernichtet werden würde. Viele haben ihre Worte belächelt, doch der eine oder andere hat sie mit wachsender Furcht angestarrt. Voller Eifer versuchte sie, die Zuhörer zu überzeugen, ihr zu folgen, damit einige überlebten und damit die Menschheit eine Chance bekäme. Dann hat sie mich gesehen, hielt inne und schenkte mir ein magisches Lächeln. Und ich habe ihr mein Herz geschenkt.

Unwillkürlich seufzte Jan wohlig. Es kam ihm vor, als sähe er sie direkt vor sich stehen.

Ich verlor zuerst mein Herz, dann meinen Verstand. Vom ersten Moment an gab es etwas ganz Besonderes zwischen uns. Wir kannten uns nicht, und sie verbrachte ihre Freizeit damit, Menschen den Untergang der Welt vorauszusagen, was ich für absolut verrückt hielt. Trotzdem: Es gab nichts Schöneres, als ihrer singenden Stimme zu lauschen und ihren blumigen Duft wahrzunehmen.

Er schmunzelte. Am Anfang wollte ich noch dich bekehren. Ich habe geglaubt, wenn du mich besser kennen lernen würdest, würde dir klar werden, dass der verrückte Gedanke vom Ende der Welt einfach nur ein böser Albtraum war. Doch dann kam alles ganz anders. Wir haben uns regelmäßig getroffen, haben uns ineinander verliebt, und wenn wir zusammen waren, dann haben wir an alles gedacht, nur nicht daran, wie die Menschheit errettet werden könnte. Und obwohl sie oft tage- oder wochenlang verschwunden ist und ein großes Geheimnis aus ihrem Verbleib gemacht hat, waren die ersten Monate unserer Beziehung die glücklichsten meines Lebens. Ich habe einfach in den Tag hineingelebt und mich auf den nächsten Moment gefreut, den ich mit ihr verbringen durfte. Gott, was würde ich dafür tun, wenn ich sie jetzt und hier einfach in den Armen halten könnte.

Plötzlich bildete er sich ein, ihr Parfüm riechen zu können – es war der blumige Duft von Vergissmeinnicht.

Alles war so einfach, bis sie wieder mit ihrer Endzeit-Prophezeiung anfing. Sie hat alles getan, um mich von der Richtigkeit ihrer Worte zu überzeugen. Sie hat mir von ihrem Plan erzählt, für eine Gruppe von Menschen das Überleben zu sichern. Diese Leute sollten den Tag des Feuers in einer unterirdischen Stadt überstehen – einer Stadt, die sie bereits seit Jahrzehnten im Geheimen bauen ließ. Ich habe ihr natürlich nicht geglaubt, denn kein Mensch der Welt hatte genügend Geld, um eine Stadt zu erbauen. Abgesehen davon war sie jung, wie also sollte sie seit Jahrzehnten Baumaßnahmen durchführen lassen? Doch ich habe meine Meinung geändert, als sie mich eines Tages zu der geheimen Festung mitgenommen hat.

Sein verträumtes Lächeln verstarb abrupt. »Ich verdanke dir mein Leben, meine Prinzessin«, hauchte er. »Aber was ist mit jenen, die wir zurückgelassen haben?« Der Gedanke schmerzte ihn. Es war so lange her … Doch die Augen vor der Realität zu verschließen, hielt den Strom der Zeit nicht auf.

Erneut ergriff er den Bleistift, rückte das Blatt näher an die Kerze und nahm den Faden der Geschichte wieder auf. »An einem Sommertag im Juni 2063, an dem die Feuerwalze der Welt ihren Stempel aufdrückte, wurde das meiste Leben ausgelöscht. Menschen, Tiere und Pflanzen hatten nur verschwindend geringe Überlebenschancen. Alles wurde in Bruchteilen von Minuten gekocht, verdampft, verbrannt und zerstört.

Was war geschehen? Welche Ursache hatte diese Zerstörungskraft? Die Folgen waren mit nichts zu vergleichen, was die Menschheit bis dahin gekannt hatte. Kein noch so kleiner Fleck auf der weiten Spanne der Welt wurde vergessen – zumindest nicht auf der Oberfläche. Nur Wenige hatten genügend Zeit und die Möglichkeit, in tiefe Bergbauschächte oder in die fast vergessenen Atombunker, einst von früheren Generationen erbaut, zu fliehen, um dort die Katastrophe zu überstehen. Und die, die den nächsten Morgen noch erlebten, hatten eine Zeit der Entbehrung vor sich, die auch Generationen später noch nicht enden sollte.

Die Menschheit wurde in ihrer Entwicklung weit zurückgeworfen. Es gab keine Regierung und keine Ordnung mehr. Nirgends konnte Nahrung gekauft werden, es existierten keine industriell hergestellte Kleidung und kein Schutz vor dem Wetter mehr, und eine der schlimmsten Folgen war sicherlich, dass über Monate hinweg kein wärmendes Sonnenlicht mehr durch die nachtschwarzen Wolken drang, die den Horizont überspannten. Es war ein wahr gewordener Albtraum für die wenigen hilflosen Überlebenden. Einst komplett von Technik und Fortschritt abhängig wie ein kleines Kind von der schützenden Mutter, waren sie nun wieder sich selbst und ihren Instinkten überlassen. Und es war die Angst, die die Überlebenden als eine der ersten Emotionen auf der neuen Welt begrüßte. Nichts war mehr so, wie sie es kannten. Es gab neue Werte, geänderte Ansichten und notwendige Rangordnungen.

Die Überbleibsel der alten Welt zierten noch eine Weile lang die Landschaften. Sie vergingen nur langsam. Die Natur hingegen lässt sich nur ungern in ihre Grenzen verweisen, und auch ein Weltuntergang kann sie nicht vernichten. So holte sie sich zurück, was schon immer ihr gehört hatte.

In den ersten beiden Jahrhunderten ragten noch die schwarzrot verrosteten Stahlskelette der toten Groß­städte wie verkohlte Krallen gen Himmel, als wollten sie ihn zum Boden zerren, da er dem Unglück zugesehen hatte, ohne Rettung zu bringen.

In dem darauf kommenden Jahrhundert verschwanden die zusehends verkümmerten, armseligen Reste der Wolkenkratzer zwischen den emporwachsenden Bäumen. Das grüne Leben blühte überall wieder auf, auch wenn die Tier- und Pflanzenwelt viele Veränderungen durchschritten hat. So waren die Wälder nun größer und stärker als einst und die wilden Raubtiere gefährlicher denn je.

Was danach geschah, kann keiner genau berichten. Doch sicher ist, dass sich die Menschen ihrer uralten Fähigkeiten erinnerten und sie sich erneut zu Jägern und Sammlern entwickelten. Essen und Überleben, das war der Mittelpunkt ihrer einfachen Existenz geworden. Doch Stück für Stück erlangte die Menschheit ihr soziales Gefüge wieder zurück. Die Jahre schritten weiter, und der neu erwachte Sinn für die Gemeinschaft vertiefte sich, indem sie größere Gruppen oder gar Clans bildeten.

Doch trotz aller Entwicklung, in die toten Städte aus der Vergangenheit traute sich das Leben nur zögerlich hinein. Die meisten Ruinen lagen lange dunkel in der öden Landschaft wie eine ausgebrannte Feuerstelle. Sie sahen düster und leer aus, unfähig, neues Leben zu gebären. Manchmal jedoch konnte das Auge auch täuschen. In der einen oder anderen der alten Städte gab es kleine Gruppen, die dort trotz der anfänglichen Angst vor den Relikten der Vorangegangenen Sicherheit suchten. Sie bauten schlichte Holz- und Steinhütten oder errichteten Lederzelte in die alten Ruinen und verbanden sie mit Trampel­pfaden. Die kleinen Wohngemeinschaften lagen meinst nahe beieinander und boten sich somit gegenseitigen Schutz. Die neuen Siedlungen erinnerten an eine bunte Mischung aus einem arabischen Basar und den Slums des ehemaligen Amerikas, dennoch hatte jedes Mitglied der Gemeinschaft eine Aufgabe. Es war ein Zeichen der Stärke, wenn eine Gruppe aus vielen Mitgliedern bestand. Es zeigte den wenigen Reisenden und den benachbarten Ansiedlungen, dass die Sippe in der Lage war, all seine Angehörigen zu versorgen und zu verteidigen.

In dieser Zeit des Wandels traten die ersten Mutationen auf. Es wird berichtet, dass sich Menschen ohne ersichtlichen Grund veränderten. Angeblich wurden Mischwesen gesichtet, die halb Tier und halb Mensch waren. Vor dem Untergang der alten Zivilisation wären sie wohl Chimären genannt worden. Hier und jetzt jedoch gab man jenen Wesen den Namen `Ammoben´.

Die Ammoben erfüllten das ganze wahnsinnige Spektrum der menschlichen Vorstellungskraft. Einige von ihnen waren gefährlich und unberechenbar, und doch gab es auch welche, die ihre menschlichen Eigenschaften nur im geringen Maße eingebüßt haben. Sie wirkten äußerlich menschlich, bis sie mit einem plötzlichen Satz, einem Gecko gleich, in die Krone eines Baumes sprangen oder ihnen urplötzlich Flügel aus ihrem Rücken sprossen und sie sich in den Himmel erhoben, als wenn das Fliegen das Natürlichste der Welt sei. Manche konnten auch Gedanken und Gefühle sichtbar machen und waren oft mit einer Gabe beseelt, die in meiner Zeit Magie genannt worden wäre. Im Großen und Ganzen gäbe es sicherlich ein paar Fähigkeiten, die ich auch gerne besitzen würde. Wer würde das schließlich nicht wollen? Aber die Mutationen hatten ihren Preis. Auch wenn der eine oder andere rein äußerlich noch einem Menschen glich, hatten doch scheinbar alle Ammoben ihre Menschlichkeit verloren, was sie zu Ausgestoßenen machte, weshalb sie unverzüglich getötet wurden, wenn sie normalen Menschen in die Hände fielen.

Da es die Mutationen vor der Feuerwalze nicht gab, vermute ich – auch wenn es vollkommen irrational klingen mag –, dass die Apokalypse möglicherweise doch nicht von Menschenhand verursacht wurde. Aber auf einen solchen Gedanken ist die heutige Bevölkerung nicht gekommen. Sie hatte jemanden gefunden, der nicht nur an der Feuerwalze, sondern insbesondere an den gottlosen Mutationen schuldig war. Die Wahrheit ist, dass jeder heute lebende Mensch die Schuld an all dem der vorangegangenen zivilisierten Welt gibt. Heute wissen nur wenige von unserem industrialisierten Dasein, den technischen und medizinischen Errungenschaften, die vor dem Feuer existierten und von ihm zerstört wurden. Sie wissen nur, dass wir einst mächtig gewesen waren. So mächtig, dass wir einfach den Untergang der Zivilisation verursacht haben müssen. Deshalb heißt es, dass die so genannten `Vorangegangenen´ – wie die Menschen aus meiner Zeit heute genannt werden – verflucht sein müssen, um einen solchen Zorn der Götter heraufzubeschwören.

Ja, es wurden wieder Götter erschaffen und angebetet, die einem den Seelenfrieden schenken sollten, doch dazu später mehr.

Die Konsequenz der Schuldzuweisung war, dass alles aus der Vergangenheit als böse galt. Es war sehr umstritten, ob die Ruinen der vergangenen Bauwerke genutzt und das Wissen über die untergegangene Technologie besessen werden durften. Lange Zeit war es sogar strikt verboten, Nachforschungen zu den Vorangegangenen zu betreiben. Aber auch das sollte sich wieder ändern.«

Jan drückte seinen Rücken durch, reckte sich und legte seinen Kopf zurück, um eine Verspannung zu lockern. Er merkte, dass seine Augen brannten und die Kerze fast erloschen war. Draußen war es vollkommen finster. Schnell holte er eine weitere Kerze hervor. Kein Laut drang an seine Ohren, und das war gut so. Geräusche bedeuteten hier oft Lebensgefahr, und die Konzentration auf das Schreiben minderte seine Reflexe.

Nachdem das Licht erneuert war, setzte er den Stift auf ein weiteres Blatt Papier. »Neue Begriffe und Wörter wurden für die veränderten Gegebenheiten entwickelt. So erhielt der Anführer eines Clans den Beinamen `Marun´, das weibliche Pendant erhielt den Titel `Mora´. Die Ältesten bestimmten, wer einen Clan anführte, und wenn deren Kinder sich als würdig erwiesen, konnte der Beiname und somit der dazugehörige Rang vererbt werden. Daneben gab es noch den Namenszusatz `Ran´, der so viel wie `der Gelehrte´ bedeutete. Bei Frauen wurde der Zusatz traditionell vor dem Namen, bei einem Mann danach genannt. Ein solcher Titel konnte nur aufgrund besonderer Verdienste an der Gemeinschaft per Abstimmung von der Mehrheit der Sippenmitglieder verliehen werden. Einmal erhalten, blieb der Titel als Ehrbezeugung bis zum Tode.

Verwechselt durfte die Bezeichnung des Rans nicht mit dem der `Überlieferer´. Sie hatten es sich zur Lebensaufgabe gemacht, das Wissen der alten Welt um jeden Preis aufrechtzuerhalten. So besaßen sie theoretische Kenntnisse darüber, dass es Computer, Autos, Flugzeuge oder Telefone gegeben hatte. Auch Begriffe wie Stromleitungen, Brennstoffe und Chemikalien waren ihnen nicht fremd. Sie wussten, was ein Weltkrieg war und was für eine umfangreiche Flora und Fauna vor dem Feuer existiert hatte. Sie kannten die Namen der alten Kontinente und die damals regierenden Mächte. Selbst ein gewisses medizinisches Wissen hatten sie bewahrt, auch wenn es keine Medikamente mehr gab, mit denen sie ihr Wissen hätten praktisch umsetzen können. Jene Überlieferer galten als Verbindung zur oftmals verbotenen Vergangenheit.

Das Leben außerhalb der Siedlungen schlief nie und barg viele Gefahren. Raubtiere, Ammoben, wilde Krieger ohne Regeln und Clanzugehörigkeit, feindliche Sippen und vieles mehr brachte die friedliebenden Gruppierungen dazu, sich möglichst in der Sicherheit der alten Städte aufzuhalten. Das angrenzende Land wurde nur von den Jägern und Kriegern erforscht, und auch sie gingen meist nicht weiter, als sie zu Fuß in wenigen Tagesmärschen erreichen konnten. Selten gab es jemanden, der auf die Idee kam, die umliegende Gegend zu kartographieren.

Die Clangrenzen wurden ausgehandelt. Unerlaubt sollten sie auch nicht überschritten werden. Markiert wurden sie mit den Totenschädeln aus der Vergangenheit, aufgespießt auf Metall- oder Holzstäbe. Sie waren die letzte offensichtliche Erinnerung an das Flammeninferno. Niemanden störte das Aufstellen jener makabren Reliquien, denn der Tod ist hier und jetzt das ständige Raubtier, dem es egal ist, unter welchen Umständen es gefüttert wird. Es muss nie hungern, denn solange es Leben gibt, gibt es auch den Tod.«

Jan zauderte. Er musste an seine Eltern und an seine restliche Familie denken, die er im Jahr 2063 zurückgelassen hatte. Bei dem Gedanken zog sich sein Herz zusammen. Er wünschte, er hätte sie retten können. Aber hatte er nicht die Chance dazu gehabt? Hatte er ihnen denn jemals von den Prophezeiungen seiner Endzeit-Predigerin erzählt und versucht, sie davon zu überzeugen, dass auch sie flüchten mussten? Nein. Damals war er ihr aus Liebe gefolgt … und weil er nichts mehr zu verlieren hatte. Er war ihr nicht gefolgt, weil er ihr geglaubt hatte.

Dabei war er sich tatsächlich nicht sicher gewesen, ob sie nicht doch den Verstand verloren hatte. Und es war so einfach gewesen, ihr zu folgen, ohne darüber nachzudenken. Heute wusste er: Hätte er nicht auf sie gehört, könnte auch sein ausgeblichener Schädel auf einem mürben Speer an der Clansgrenze einer Siedlung stecken.

Er setzte seine Arbeit fort. »Ich möchte den Fokus meiner Erzählung auf den wohl wichtigsten der Clans richten, den ich kenne: den Clan der Waldläufer. Er umfasste rund fünfhundert Mitglieder, von denen über die Hälfte Krieger und Jäger waren. Sie lebten in einer Siedlung namens Steinquell und teilten sich das umliegende, stark bewaldete Land mit vier weiteren Clans. Einen bis zwei Tagesmärsche entfernt lebten die Schleichfüchse, die Windflüsterer, die Stahlformer und die Überlieferer. Sie alle blieben meist eher für sich, doch zum Handeln trafen sie sich regelmäßig.

Die Waldläufer besaßen von allen Clans den ausgeprägtesten Drang, das umliegende Land zu erkunden. Zudem waren sie legendäre Kämpfer, deren Mut durch nichts zu erschüttern war.

Durch ihren Erkundungsdrang verfügten sie auch über die begehrtesten Handelswaren: Leder, Felle, Fleisch, Wurzeln, Kräuter, Knochen und seltene Holzarten. Das verschaffte ihnen Anerkennung bei den anderen Stämmen und einen gewissen Wohlstand.

Der Anführer der Waldläufer wurde – wie bei allen Clans dieser Region – von einem Ältestenrat gewählt, der aus fünf Mitgliedern bestand. Der Rat umfasste die Weisesten des Clans, und er stellte jedem, der sich um die Position des Anführers bewarb, viele verschiedene Aufgaben, die den Geist, den Körper und den Verstand prüften. Nur wer sich dabei erfolgreich behauptete, konnte Anführer werden und gemeinsam mit dem Ältestenrat den Clan regieren. Bei Meinungsverschiedenheiten zwischen beiden Parteien wog jedoch die Stimme des Rates schwerer.

In der Vergangenheit waren die Maruns und Moras der Waldläufer stets erfahrene Krieger gewesen, doch vor wenigen Jahren war die Wahl auf eine ganz besondere junge Frau gefallen. Ihr Vater, Judan Marun, war einer der angesehensten Führer gewesen, den die Geschichte der Waldläufer kennt, doch ein Unglück riss ihn aus dem Leben. Sein tragischer Tod hatte eine große Leere in den Herzen der Menschen hinterlassen, und seine zwanzigjährige Tochter Tiara – die viele Stärken ihres Vaters geerbt hatte – sollte jene Lücke schließen. Tiara, die von ihrem Vater alleine großgezogen worden war, lebte von klein auf nur für ihr Volk. Und nach dem überraschenden Tod ihres Vaters forderte sie das Recht ein, geprüft zu werden, um sein Erbe anzutreten.

Mit Bravour bestand sie alle Prüfungen des Rates, und anfangs sah der Rat ihre Einsetzung mit Wohlwollen. Doch dann zeigte sich, dass sie durch ihr besonderes Einfühlungsvermögen in die Bedürfnisse der Waldläufer immer mehr an Beliebtheit gewann. Oftmals entschied sie in Streitfragen gegen den Rat und zum Wohle des Einzelnen, was ihr die Liebe ihres Clans zutrug. Noch niemals zuvor war ein einzelner Anführer so verehrt worden, nicht einmal ihren Vater hatten die Clanmitglieder so sehr ins Herz geschlossen wie sie. So mag es nicht verwundern, dass der Ältestenrat Tiara den Erfolg neidete und zielstrebig begann, ihren Einfluss zu untergraben.

Fünf Jahre lang gelang es dem Ältestenrat nicht, gegen die junge Anführerin anzukommen. Die Konflikte zwischen den beiden Kräften wurden zusehends größer. Schließlich konnten die Räte durch geschickte Intrigen durchsetzen, dass der Mora ein Berater an die Seite gestellt wurde, der sie unter Kontrolle halten sollte. Die Wahl fiel auf den erfahrenen 50-jährigen Krieger Redack-Ran, der einerseits dem Rat bedingungslos loyal ergeben war, andererseits aber auch Tiaras Vertrauen genoss. Einst war er der beste Freund ihres Vaters gewesen, und Tiara schätzte ihn sehr, obwohl sie seine blinde Ratstreue nicht nachvollziehen konnte. Sie sah in ihm den väterlichen Freund, mit dem sie schöne Erinnerungen aus besseren Tagen teilte. Aber sie wusste auch, dass er niemals die Entscheidungen des Rates anzweifeln würde. Ihr war klar, dass er zwischen den Stühlen saß und dass sein neues Amt wie eine Strafe für ihn sein musste, aber sie hatte keine Möglichkeit, ihn von der ungeliebten Situation zu erlösen.«

Jan lehnte sich zurück und blickte hinaus. Er sah das alles verschlingende Dunkel, das eine stern- und mondlose Nacht mit sich brachte, wenn kein elektrisches Licht Straßen oder Gebäude beleuchtete. Seine einzigen Lichtquellen waren die vier Kerzen, die er inzwischen um seine Schreibutensilien aufgebaut hatte.

Er bemerkte, dass es ihn langsam fröstelte. Seine Lederkleidung, die er vor wenigen Wochen von einer geschickten Waldläuferin geschenkt bekommen hatte, konnte die herbstliche Abendkälte nicht mehr fernhalten. Er blickte in eine Ecke des Zimmers, in der seine Tasche lag. Daneben befanden sich ein weiter, handgefertigter Filzmantel und ein Lederbeutel, der mit einem Wasserschlauch und haltbaren Lebensmitteln gefüllt war.

Wie gerne hätte ich jetzt eine ordentliche Thermojacke, dachte er, als er schwerfällig aufstand, den Filzmantel aufnahm und um seine Schultern legte. Er schaute zu den bereits beschriebenen Seiten. Tiara Mora war wirklich eine bewundernswerte Anführerin, da hatte er keine Zweifel. Aus dem Grund war seine Geschichte überwiegend auch die ihre. Hätte es sie nicht gegeben, wären all die Steine nie ins Rollen gekommen, die nun die Basis seines Buchs werden sollten. Er erinnerte sich an die besonderen Geschehnisse und wie sie aus Tiaras Sicht begonnen hatten. Sie selbst hatte es ihm an vielen Abenden am Lagerfeuer erzählt, damit er sie für seine Aufzeichnungen verwenden konnte.

Alles hatte seinen Anfang vor wenigen Monaten gefunden.

 

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Kapitel 1: Die Reise in den verbotenen Süden

1. Teil: Aufbruch aus Steinquell

 

Achteinhalb Monate zuvor: 12. März im Jahr 2601 nach der alten Zeitrechnung

Sonnenaufgang, Waldläufer-Siedlung Steinquell


Es war ein schöner Morgen. Die tiefen scharlachroten Farbtöne wanderten gemächlich über die fernen Berggipfel und kündigten die warmen Strahlen der Sonne an. Sie tauchten eine freie Fläche inmitten einer dichten Waldregion in behagliches Licht. Dort reihten sich mehrere Dutzend schlichte Holzbehausungen um einen freien Platz, in dessen Zentrum sich ein mannshoher Felsen erhob, aus dem unaufhörlich Wasser sprudelte. Das Wasser floss in ein natürlich geformtes Steinbecken, aus dem es die Waldläufer bequem mit Eimern schöpfen konnten. Warum dieses Becken niemals überlief, wussten selbst die Ältesten nicht.

Die Quelle versorgte seit Generationen alle mit frischem, klarem Wasser, weshalb der Platz darum von den Bewohnern liebevoll als `Platz des Wassers´ bezeichnet wurde. Von ihr hatte die Siedlung auch ihren Namen: Steinquell.

Die Hütten bestanden aus grob bearbeiteten Baumstämmen mit meist nur einem großen Raum, in dem sich die ganze Familie aufhielt und in der kalten Jahreszeit gegenseitig wärmen konnte. In der Mitte dieses Raums gab es jeweils eine Feuerstelle mit einem Rauchabzug darüber, der durch eine einfache, aber effektive Zugvorrichtung geschlossen werden konnte. Die Dächer waren mit Fellen und Reisig abgedeckt, die Wände mit einem festgedrückten Gemisch aus Moos und Schafwolle abgedichtet. In den Fenstern und Türen hingen lederbespannte Holzgestelle, um vor Wind und Wetter zu schützen.

Innerhalb der Behausungen gab es nur wenige hölzerne Einrichtungsgegenstände wie Schemel, niedrige Tische oder Regale und Truhen. Meistens lagen mehrere Felle übereinander auf dem Boden und dienten als Sitz- oder Schlafgelegenheiten.

Es gab auch einige Lederzelte, die zwischen den Holzbehausungen standen. Die meisten davon dienten als Lagerraum, in manchen lebten aber auch alleinstehende Bewohner Steinquells. Zudem gab es einige Pferche, in denen braungefleckte, borstige Schweine, kleinwüchsige Schafe und sogar einige der seltenen Hühner gehalten wurden.

Eine Befestigung aus einem mannshohen Erdwall und einem tiefen, mit Holzpfählen bestückten Graben begrenzte die Siedlung zum Wald hin. Auf dem Wall war zusätzlich noch eine Palisade mit spitz zulaufenden Baumstämmen errichtet worden. Den einzigen Zugang zu Steinquell schützte ein großes, zweiflügeliges Holztor, das tagsüber meist offen stand. Seit zwei Generationen hatte es keine ersthafte Bedrohung mehr für die Bewohner gegeben, außer dem einen oder anderen wilden, oder gar tollwütigen Tier.

 

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... Ende der Leseprobe ...

 

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