Vorgeschichte

Wolkenfetzen jagten über den Himmel, türmten sich zu formlosen Gebilden auf, nur um wieder auseinandergerissen und neu vereint zu werden. In der Ferne flackerten vielfach verästelte Blitze. Sie tauchten Hügel mit unbestellten Äckern und kleineren Baumgruppen für Sekundenbruchteile in grelles Licht. Donnergrollen zog heran und verlor sich im nächsten Moment im Rauschen eines heftigen Platzregens. Im aufkommenden Abendgewitter wirkte das verfallene Bauernhaus seltsam deplatziert in der einsamen Landschaft. Hier hatte schon lange niemand mehr Hand angelegt, um eine Außenwand auszubessern, zerbrochene Dachschindeln zu ersetzen oder einen wackelnden Fensterladen zu richten. Nichts wies darauf hin, dass das Gebäude noch bewohnt war.

Vorgeschichte

25. November im Jahr 2601 nach der alten Zeitrechnung
Später Nachmittag, westlich der Eisstadt Frosthain
Ein verfallenes Haus in einer namenlosen, unbelebten Kleinstadt

»Jetzt sitze ich hier und starre auf ein Blatt Papier, das förmlich danach schreit, beschrieben zu werden, aber womit fange ich an?«

Langsam hob sich der Blick der müden, stahlblauen Augen. Der Mann fuhr sich mit der Hand durchs blonde Haar und rieb sich über die vor Kummer zerfurchte Stirn. Sein Blick fiel durch ein zerstörtes Fenster. Er betrachtete die Umrisse der zerfallenen Gebäude, deren Trümmer der Zeit trotzten. Hier lebte schon lange niemand mehr. Einst, vor Jahrhunderten, musste dies eine ansehnliche kleine Stadt gewesen sein, doch heute dienten die Ruinen nur noch Tieren als Unterschlupf. Niemand wollte länger in den Überresten der alten Zivilisation verweilen, niemand außer ihm. Er hatte sich das einzige Haus gesucht, in dem der Boden des Obergeschosses noch nicht eingestürzt war, sodass er im Erdgeschoss darunter Schutz vor Wind und Wetter fand.

Vorgeschichte

 26. November 2601 nach der alten Zeitrechnung

 Früher Nachmittag, westlich der Eisstadt Frosthain, ein verfallenes Haus in einer namenlosen, verlassenen Kleinstadt

Jan Erikson erwachte. Helles Licht fiel in sein blasses Gesicht, schützend hob er eine Hand. Für einige Augenblicke wusste er nicht mehr, wo er sich befand, doch dann erinnerte er sich. Die Stadt, die verfallene Kleinstadt zwischen Lebonara und Frosthain. Hema bat mich, hierherzukommen und die Geschichte der Lebonari niederzuschreiben.

Stöhnend erhob er sich. Sein provisorisches Nachtlager war nicht gerade bequem gewesen. Ein ziehender Schmerz im Rücken erinnerte ihn daran, dass er keine sechzehn mehr war. Er amüsierte sich bei dem Gedanken – nein, das konnte er wirklich nicht von sich behaupten, denn er stand kurz vor seinem 571. Geburtstag. Doch zog man die Jahrhunderte des Tiefschlafes ab, würde er im Januar des kommenden Jahres dreiunddreißig werden; das gefiel ihm schon besser.

 

Kapitel 1: Opala, die Ammobe

 1. Teil: Ahoran

  Rund zwei Monate zuvor

 11. Oktober im Jahr 2601 nach der alten Zeitrechnung

 Mittagszeit, zwischen Lebonara und Frosthain, östliches Waldgebiet

 Es waren schon mehrere Tage seit der großen Niederlage in der von Ammoben besetzten Siedlung vergangen. Hema hatte entschieden, mit den Überlebenden zurück nach Lebonara zu ziehen. Alle hofften, unterwegs in die Arme der zweiten Gruppe zu laufen, und das geschah schließlich auch. Als Saschan, der als Späher vorangeschickt worden war, den breitgezogenen Trupp der rund zweihundertfünfzig Krieger vermeldete, war die Freude groß.

Hema saß auf ihrem schneeweißen Dscheila, als sie das Dickicht verließ und sich gut sichtbar auf einen Hügel positionierte. Jasmin, Jack, Saschan und die anderen Überlebenden stellten sich leicht versetzt hinter sie.

Die zweite Gruppe wurde von Mirkon und Kodag-Ran angeführt, dicht gefolgt von Jan, Sina und Semmel. Hema war sich nicht sicher gewesen, ob Kodag seine schwangere Geliebte tatsächlich alleine zurücklassen würde, doch nun war er da. Sie war dankbar dafür, denn sie wusste, dass in der kommenden Schlacht jeder erfahrene Kämpfer benötigt werden würde.